
5. Januar 2026
In meiner Praxis begegnen mir viele Paare, die zu wenig Quality-Time miteinander verbringen. Aber es gibt auch diejenigen, die darüber klagen, kaum noch Zeit für sich selbst (Me-Time) zu haben.
Vielleicht verbringt ihr so viel Zeit miteinander, dass du manchmal das Gefühl hast, dich selbst zu verlieren. Oder ihr seid beide so beschäftigt mit eurem eigenen Leben, dass ihr euch wie Mitbewohner*innen fühlt statt wie ein Paar.
Beides fühlt sich nicht gut an. Und beides hat denselben Grund: Die Balance zwischen „Mein Raum”, „Dein Raum” und „Unser Raum” stimmt nicht mehr.
Mein Raum – deine Me-Time. Deine Hobbys, deine Freund*innen, deine Zeit für dich selbst. Die Dinge, die dich ausmachen, unabhängig von deiner Beziehung.
Dein Raum – die Me-Time deines/deiner Partner*in. Mit eigenen Interessen, eigenen Freundschaften, eigenen Bedürfnissen. Die Person, die du liebst, aber die auch ein eigenständiges Leben hat.
Unser Raum – das seid ihr als Paar. Die gemeinsame Zeit, die gemeinsamen Erlebnisse, die Verbindung zwischen euch. Das, was euch zu „uns” macht.
Eine gesunde Beziehung braucht alle drei Räume in Balance.
Am Anfang einer Beziehung ist das oft so. Ihr wollt jede Sekunde zusammen verbringen. Ihr verschmilzt miteinander. Und das fühlt sich erst mal großartig an.
Aber irgendwann merkt eine*r von euch: Ich habe meine Freund*innen und Hobbies vernachlässigt.
Das Problem dabei? Du verlierst dich selbst. Und damit verlierst du auch das, was dich für dein*e Partner*in interessant macht. Du wirst abhängig von der Beziehung für dein Glück. Und das wird zu einer schweren Last für eure Beziehung.
In meine Praxis kommen auch Paare, die bemerken, dass sie aneinander vorbei leben. Jeder macht sein Ding. Sie funktionieren super, aber emotionale Verbindung und Intimität sind über die Zeit verloren gegangen.
Vielleicht sagt ihr euch: „Das ist doch gut, dass wir beide unabhängig sind!” Und ja, Unabhängigkeit ist wichtig. Aber wenn der gemeinsame Raum, „unser Raum“, schrumpft, schrumpft auch eure Verbindung.
Irgendwann sitzt ihr nebeneinander auf der Couch und scrollt auf euren Handys. Ihr erzählt euch nicht mehr, was euch bewegt. Ihr plant keine gemeinsamen Dinge mehr. Ihr seid Mitbewohner*innen geworden.
Paare, die alle 3 Beziehungsräume in Balance bringen können, erleben Leichtigkeit in ihrer Beziehung.
Du hast Zeit für dich. Du kannst deine Freunde treffen, deinem Hobby nachgehen, einfach mal einen Abend für dich haben – ohne schlechtes Gewissen.
Dein Gegenüber hat das auch. Und das ist gut so. Denn wenn deine Beziehungsperson zurückkommt von ihrem Abend mit Freund*innen oder vom Sport, dann ist sie erfüllt und ausgeglichen. Und hat wieder Energie für euch.
„Unser Raum” ist eure bewusste Quality Time zu Zweit. Zeit, in der ihr wirklich präsent seid. Nicht nur nebeneinander sitzt, sondern miteinander Zeit verbringt. Das ist euer Raum für Deep Talk, romantische Dates und Intimität.
Differenzierung klingt kompliziert, ist aber eigentlich simpel. Es bedeutet: Du bleibst du selbst, auch wenn du in einer Beziehung bist.
Du verlierst dich nicht in der anderen Person. Du machst dein Glück nicht von ihr abhängig. Du behältst deine eigene Identität, deine eigenen Werte, deine eigenen Ziele. Differenzierung ist gesunde Abgrenzung. Das Gegenteil von Differenzierung ist Verschmelzung.
Denn nur wenn du weißt, wer du bist, kannst du auch wirklich in Beziehung treten. Nur wenn du einen eigenen Raum hast, kannst du auch einen gemeinsamen Raum erschaffen, der nicht erdrückend ist.
„Mein Raum“ + „Dein Raum“ sind die Voraussetzung für „Unser Raum“
Menschen, die gut differenziert sind, können Nähe aushalten, ohne sich zu verlieren. Und sie können Distanz aushalten, ohne sich verlassen zu fühlen.
Das ist die Basis für eine reife, erwachsene Beziehung.
Hier kommt oft die Angst hoch. „Wenn ich meinem Gegenüber zu viel Freiraum gebe, verliere ich die Person. Sie braucht mich dann nicht mehr. Sie merkt, dass es auch ohne mich geht.”
Aber das Gegenteil ist der Fall.
Wenn du deinem Gegenüber den Raum gibst, sich selbst zu sein, gibst du ihm ein Geschenk. Du zeigst: Ich vertraue dir. Ich will nicht, dass du dich für mich aufgibst. Ich will dich so, wie du bist – mit all deinen Facetten.
Und das schafft echte Verbindung. Aus Angst vor dem Verlassenwerden wird Nähe, die aus Vertrauen wächst.
Außerdem: Menschen, die Raum für sich haben, sind glücklicher. Sie sind ausgeglichener. Sie bringen mehr positive Energie in die Beziehung. Und sie haben mehr zu erzählen, weil sie tatsächlich etwas erleben.
Das ist keine Bedrohung für eure Beziehung, sondern das Fundament.
Gleichzeitig reicht es nicht, nur nebeneinander zu existieren.
„Unser Raum” braucht Pflege. Bewusste Pflege.
Das bedeutet nicht, dass ihr jeden Abend ein romantisches Date haben müsst. Aber es bedeutet, dass ihr Zeit miteinander verbringt, in der ihr wirklich präsent seid.
Keine Handys. Keine To-Do-Listen im Kopf. Keine Ablenkung.
Einfach ihr zwei. Im Gespräch, beim Kochen, beim Spazierengehen oder beim gemeinsamen Nichtstun.
Regelmäßige Quality Time ist nicht verhandelbar.
Denn ohne sie wächst ihr auseinander. Langsam, schleichend, bis ihr irgendwann feststellt: Wir kennen uns gar nicht mehr richtig.
Eine simple Übung, die euch zeigt, wo ihr gerade steht – und wo ihr hinwollt.

Schritt 1: Zeichnet drei Kreise
Nehmt euch ein Blatt Papier und zeichnet drei Kreise. Beschriftet sie: „Mein Raum”, „Dein Raum”, „Unser Raum”.Mein Raum – dein Raum – unser Raum
Schritt 2: Füllt sie aus
Jeder für sich. Schreibt in „Mein Raum” alles rein, was nur zu euch gehört. Hobbys, Freundschaften, Zeit für euch selbst, Dinge, die ihr gerne macht.
In „Dein Raum” kommt alles, was nur zu eurem Gegenüber gehört.
Und in „Unser Raum” kommt alles, was ihr zusammen macht. Gemeinsame Zeit, gemeinsame Aktivitäten, Rituale.
Schritt 3: Schaut euch die Kreise an
Ist einer der Kreise viel größer als die anderen? Ist einer fast leer?
Das ist euer IST-Zustand. Bewertet ihn nicht, sondern stellt einfach nur fest: So ist es gerade.
Schritt 4: Redet darüber
Jetzt kommt der wichtigste Teil. Setzt euch zusammen und teilt, was ihr aufgeschrieben habt.
Fragt euch gegenseitig:
Schritt 5: Macht einen Plan
Überlegt gemeinsam: Was könnt ihr konkret verändern?
Vielleicht braucht einer von euch einen festen Abend in der Woche nur für sich. Vielleicht wollt ihr ein Ritual etablieren, das „Unser Raum” stärkt – ein wöchentliches Date, ein gemeinsames Frühstück am Sonntag, ein Spaziergang nach dem Abendessen.
Macht es konkret. Nicht „Wir sollten mehr Zeit miteinander verbringen”, sondern „Jeden Sonntagabend kochen wir zusammen und reden dabei über unsere Woche.”
Eine gesunde Beziehung ist keine Verschmelzung. Sie ist auch keine Parallelexistenz.
Sie ist eine Balance. Zwischen Nähe und Freiraum. Zwischen „Ich” und „Wir”. Zwischen Verbindung und Autonomie.
Und diese Balance ist nicht starr. Sie verändert sich: Mal braucht ihr mehr Nähe, mal mehr Raum. Das ist völlig okay.
Wichtig ist nur, dass ihr darüber redet. Dass ihr beide wisst, wo ihr gerade steht. Und dass ihr gemeinsam entscheidet, wo ihr hinwollt.
💼 Mehr zu Coaching
❤️ Mehr zu Paartherapie
💌 Bleib inspiriert – alle Newsletter Beiträge
Kategorien:
Allgemein, Paartherapie